Kathartische Atemarbeit und das Selbstkonzept- eine personzentrierte Perspektive auf Integration, Trauma und Regulation

Was sagt die Forschung zu Conscious Connected Breathing, kathartischer Atemarbeit und nachhaltiger emotionaler Integration? Eine personzentrierte und traumainformierte Perspektive.

 

In den letzten Jahren haben intensive Atemtechniken wie Conscious Connected Breathing, Holotropes Atmen oder sogenanntes „Psychodelische Atemarbeit" stark an Popularität gewonnen. Viele Anbieter:innen versprechen emotionale Befreiung, tiefgreifende Selbsterkenntnisse oder sogar Heilung durch intensive Erfahrungen.

 

Doch aus einer personzentrierten und traumainformierten Perspektive stellt sich mir eine zentrale Frage nämlich, fördern starke emotionale Durchbrüche tatsächlich nachhaltige Veränderung oder braucht persönliche Entwicklung vor allem Sicherheit, Regulation und Integration?

 

 

 

Was bedeutet Integration aus personzentrierter Sicht?

 

Die Personzentrierte Psychotherapie nach Carl Rogers geht davon aus, dass jeder Mensch über eine natürliche Tendenz zu Wachstum, Entwicklung und Selbstaktualisierung verfügt. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Umfeld, das Sicherheit, Akzeptanz und Selbstbestimmung ermöglicht.

Das Selbstkonzept wird dabei als eine organisierte und zusammenhängende Struktur verstanden. Neue Erfahrungen können dann integriert werden, wenn sie schrittweise verarbeitet und mit dem bestehenden Selbstbild in Einklang gebracht werden.

Veränderung entsteht deshalb nicht durch maximale Intensität, sondern durch einen Prozess, in dem Erfahrungen bewusst wahrgenommen, verstanden und integriert werden können und das braucht vor allem eins, nämlich Zeit. 

 

Kathartische Atemarbeit als Spiegel der gesellschaftlichen Vorstellung, dass Heilung schnell gehen muss

 

Viele moderne Breathwork-Formate arbeiten gezielt mit intensivem, verbundenem Atmen über längere Zeiträume. Ziel ist häufig die Auslösung veränderter Bewusstseinszustände, emotionaler Entladungen oder sogenannter „Durchbrüche“.

Typische Erfahrungen können sein:

  • intensive Emotionen
  • Weinen oder Schreien
  • Zittern
  • Körperempfindungen
  • Erinnerungsfragmente
  • veränderte Wahrnehmungszustände

Solche Erfahrungen werden häufig als Zeichen eines erfolgreichen Prozesses interpretiert. Doch Intensität allein ist noch kein Beleg für Integration oder nachhaltige Veränderung.

 

Was die Wissenschaft über Conscious Connected Breathing und intensive Atemarbeit sagt

 

Die derzeitige Forschung zu Atemarbeit zeigt die konsistentesten positiven Ergebnisse für regulierende Atemverfahren wie langsame diaphragmale Atmung oder biofeedbackgestützte Atemtrainings. Für hyperventilationsbasierte und stark aktivierende Verfahren ist die Evidenz deutlich weniger eindeutig. Aus einer personzentrierten Perspektive stellt sich daher die Frage, ob emotionale Intensität allein ausreichend ist oder ob nachhaltige Veränderung vor allem dort entsteht, wo Erfahrungen innerhalb eines regulierten Zustands integriert werden können. (Banushi et al., 2023)

 

Warum intensive Atemarbeit das Nervensystem überfordern kann

 

Neuere Forschungen zeigen, dass stark aktivierende Atemtechniken häufig mit Hyperventilation einhergehen. Dadurch sinkt der Kohlendioxidgehalt im Blut, was Veränderungen der Hirndurchblutung, der autonomen Regulation und der Körperwahrnehmung nach sich ziehen kann.

Diese Prozesse können:

  • intensive Emotionen verstärken
  • Erinnerungen aktivieren
  • veränderte Bewusstseinszustände fördern
  • das Nervensystem stark aktivieren

Ob daraus tatsächliche Integration entsteht, hängt jedoch wesentlich davon ab, ob ausreichend Sicherheit, Begleitung und Nachverarbeitung vorhanden sind.

 

 

Was wir aus der Traumaforschung lernen können

 

Ein wichtiger Blickwinkel kommt aus der modernen Traumaforschung.

Mehrere systematische Reviews sowie nationale und internationale Leitlinien zeigen, dass eine forcierte emotionale Aufarbeitung unmittelbar nach belastenden Erfahrungen – sogenanntes Psychological Debriefing – keinen nachweisbaren Nutzen für die Prävention traumatischer Folgestörungen hat und teilweise sogar mit ungünstigen Verläufen verbunden sein kann.

Was so viele bedeutet wie, emotionale Aktivierung allein ist nicht automatisch heilsam.

Entscheidend ist vielmehr, ob Menschen über genügend Ressourcen verfügen, um das Erlebte zu verarbeiten und in ihre Lebensgeschichte bzw ihr Selbstkonzept zu integrieren.

 

 

Warum ich regulierende Atemarbeit bevorzuge

 

Aus personzentrierter Sicht steht nicht die Intensität einer Erfahrung im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben.

Regulierende Atemtechniken wie:

  • langsames Atmen
  • kohärentes Atmen
  • verlängerte Ausatmung
  • HRV-Biofeedback
  • ressourcenorientierte Atemarbeit

unterstützen die Selbstregulation des Nervensystems und fördern die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Sie stärken:

  • Selbstwirksamkeit
  • Körperwahrnehmung
  • emotionale Stabilität
  • Resilienz
  • Integrationsfähigkeit

Damit entsprechen sie deutlich stärker den Grundprinzipien der personzentrierten Haltung als Verfahren, die primär auf emotionale Entladung oder außergewöhnliche Bewusstseinszustände abzielen.

 

 

Mein Fazit (und auch die der Traumaforschung) Nicht die Intensität zählt, sondern die Integration

 

Ich sehe Atemarbeit als wertvolles Werkzeug zur Förderung von Selbstwahrnehmung, emotionaler Regulation und persönlichem Wachstum.

Gleichzeitig halte ich es für wichtig, zwischen Aktivierung und Integration zu unterscheiden.

Aus einer personzentrierten und traumainformierten Perspektive entsteht nachhaltige Veränderung nicht dadurch, möglichst viele Emotionen freizusetzen. Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, sich selbst sicher zu begegnen, ihre Erfahrungen zu verstehen und Schritt für Schritt in ihr Selbstbild zu integrieren.

 

Deshalb gilt für mich, nicht die Intensität einer Erfahrung ist entscheidend, sondern eher die Frage, was davon nachhaltig integriert werden kann.

 


Quellen

 

  • Rogers, C. R. (1959). A Theory of Therapy, Personality and Interpersonal Relationships.
  • Fincham, G. W. et al. (2023). Breathwork interventions for adults with clinically relevant symptoms of stress, anxiety and depression: A systematic review and meta-analysis. Scientific Reports.